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Aus: Schweizer Buchhandel 07/2007

 

preis, binde es fest mit doppeltem knoten

 

An den Buchhändlertagen des Börsenverein für den Deutschen Buchhandel hielt Ilja Trojanow, Hanser-Autor, eine viel beachtete Rede zur Preisbindung – auch mit einem Schweizer Schauplatz. Sie ist darüber hinaus mehr als nur eine Verteidigungsrede. Sie ist auch Literatur.

 

vor einigen wochen begab ich mich in new york auf die suche nach einer un­abhängigen buchhandlung. ich ori­entierte mich zunächst in richtung des columbus circle, wo sich einst col­liseum books befand, ein emporium des geistes, dessen gelbe plastiktüten – von denen ich einen scheinbar un­endlichen vorrat hatte – mich jahre­lang zum täglichen einkauf begleitet hatten. zu meinem entsetzen waren plastikmannequins an die stelle der neuerscheinungen getreten, und die vitrine war geschmückt mit kunstvoll herumgestreuten bananen, deren künstlich grelle farbe allein an den vorgänger erinnerte. traurig, dachte ich, aber nicht tragisch. schliesslich gibt es ja noch gotham books, das ur­gestein des new yorker buchhandels. dreimal lief ich direkt an gotham vor­bei, ohne es wiederzuerkennen, und der grund war schlicht und einfach, dass es auch gotham books nicht mehr gab. auf dem broadway kehrte ich in ein antiquariat ein, dessen räumlichkeiten so beengt waren, dass jeder kunde zuerst gewogen und ge­messen wurde, bevor er hereingelas­sen wurde. ein junger mann von ex­tremer hautblässe bestätigte, was ich schon befürchtet hatte: ich würde in eine der dreitausend filialen von bar­nes & noble gehen müssen. was ist mit gotham geschehen, fragte ich ihn? tot, mann, einfach tot. hast du ne ah nung, was das bedeutet, das ist der weltuntergang, mann, das ist wie das ende. also auch in new york, dachte ich betrübt, und entsann mich jener reise durch die grösste bücherwüste der westlichen hemisphäre im som­mer zuvor, als mich die einwohner kleinerer städte in nevada oder utah zum bücherkaufen stets in den super­markt geschickt hatten, wo das titel­angebot jenes an sonnenschutz­cremes oder avocado dips nicht über­traf, nach dem motto: zehn von einer sorte reicht völlig. und das wiederum hatte mich an eine buchhändlerin in duisburg erinnert, die auf mein anlie­gen, ihr einige bücher über afrika vor­stellen zu dürfen, entgegnet hatte: afrika? nee danke, da haben wir schon ein buch!

 

von new york flog ich, wie es der teu­fel der lehrreichen zufälle so will, di­rekt nach zürich und am nächsten morgen, als ich genüsslich die Neue Zürcher Zeitung aufschlug, konnte ich meinen augen nicht glauben. nicht nur hatten die eidgenossen die buch­preisbindung quasi abgeschafft, son­dern die kommentatoren dieser und auch anderer zeitungen waren voller lob ob der regierungsentscheidung. irgendein wirtschaftsfachmann pro­klamierte triumphalisch, das kartell der verlage sei endlich zerschlagen und rief ein schlaraffenland für leser aus. kartell? was für ein kartell denn? der verlagsbuchhandel ist so wenig kartell wie das internet oder der oze­an der geschichten. im gegenteil: die preisbindung ist ein basisdemokrati­sches instrument, das den neolibera­len ein dorn im auge ist, gerade weil es so gut funktioniert und weil es ein solidaritätsnetz zwischen geistig unabhängigen, kritischen geistern knüpft, das nicht ins weltbild passt, der angriff auf die preisbindung ist wie der angriff auf die wasserversor­gung anderswo. und die argumente sind die altbekannten aus der alchemistischen wunderkiste des neolibe­ralismus: befreite konsumenten und entknebelte branchenakteure füh­ren dazu, dass die qualität steigt und die preise fallen. ein verführereri­sches modell, gegen das nichts einzu­wenden wäre, wenn es nicht überall, so es zur anwendung gebracht wurde, gescheitert wäre. makroökonomisch gesehen in all jenen ländern afrikas, asiens und lateinamerikas, denen es aufgezwungen wurde, und in der buchbranche in all den ländern, die sich auf eine abschaffung der buch­preisbindung eingelassen haben, zum beispiel die usa. nicht nur sind die folgen katastrophal, sie greifen auch schneller um sich, als die pest im mittelalter: die zahl der buchhand­lungen nimmt rapide ab, die zahl der neuerscheinungen verringert sich, die bücher werden überwiegend teu­rer (in den usa etwa innerhalb von nur fünf jahren um 62%), der zwi­schenbuchhandel stirbt ab und somit die möglichkeit, bücher zuversicht­lich und schnell zu bestellen (in los angeles musste ich teilweise wochen­lang warten, bis der verlag ein ge­wünschtes buch direkt schickte) und die grossen filialisten wachsen ins un­ermessliche, bis der markt von eini­gen wenigen ketten völlig dominiert wird. diese entwicklung ist allgemein bekannt und hinlänglich dokumen­tiert — wieso also wird die frage der buchpreisbindung immer wieder problematisiert, seitens der EU, sei­ tens unserer deutschsprachigen nachbarn und sogar von einigen stel­len bei uns? die antwort ist deprimie­rend einfach; es handelt sich um ei­nen gefährlichen cocktail. einerseits ist der glaube an den freien markt ein dogma, andererseits bringt seine um­setzung für einige wenige viel reich­tum — es wirkt sich in etwa so aus, als würde in personellen ausnahmen bankraub legalisiert werden.

 

doch betrachten wir auch die unbe­stritten positiven folgen der aufhe­bung der buchpreisbindung. die bestseller, die populären und oft nachgefragten titel werden tatsäch­lich billiger, teilweise um bis zu ei­nem drittel. doch ist das wirklich po­sitiv, meine lieben damen und her­ren, die sie tagtäglich mit gesundem menschenverstand wirtschaften müssen? wo gibt es das sonst in unse­rer wirtschaft, dass man gerade die erfolgreichsten produkte ver­ramscht? wie würde der vw-händler in ihrer nachbarschaft auf den vor­schlag reagieren, er sollte den neuen audi quattro um 15 000 euro herun­tersetzen, weil der sich gerade so gut verkauft. und wie wäre der douglas­kette begreiflich zu machen, dass sie die zehn beliebtesten parfüms (er­mittelt von vogue) stets mit einem ra­batt von dreissig prozent verkaufen sollte? nein, in der besten aller wel­ten sollte genau das gegenteil gesche­hen. die bestseller sollten teurer wer­den, damit das scheinwerferlicht der begehrlichkeit die anderen bücher nicht zu sehr ins schattendunkle taucht. perfekt wäre eine lösung fol­gender art: pro 100 000 verkaufte ex­emplare steigt der preis des buches um zehn prozent. so würde der buch­handel den schwung der bestseller auf seinem beschwerlichen täglichen bergauf mitnehmen. stellen sie sich vor, was für verkaufsoptionen ihnen das böte. sie könnten einer unent­schlossenen kundin sagen: gnä’ frau, der kehlmann ist schon gut, aber der hotschnig ist beileibe nicht schlech­ter, und seit letzter woche kostet er ganze zehn euro weniger. die we­niger exponierten bücher werden im vergleich günstig erscheinen und reissenden absatz finden. sie schmunzeln und denken sich insge heim, was diese gespinnertheit jetzt soll, aber so gewagt und weltfremd mein vorschlag auch wirken mag, im vergleich zu den positionen der neo­liberalen kommt er mir geradezu lu­zide vor.

 

natürlich argumentieren wir alle, die wir dem buch verfallen sind, weil es uns intensiver leben und die welt bes­ser begreifen lässt, die wir dem buch unseren wohlstand und unsere fertig­keiten verdanken, mit der kulturel­len ausnahmestellung dieser ware, die keine ist. wir weisen gerne darauf hin, dass nichts von all dem, auf das wir heute stolz sind, sei es bildung, wissenschaft, rationalität oder plura­lität, ohne das buch möglich gewesen wäre. das buch war von anfang an ein egalitäres werkzug. kaum hatte sich gegen ende des 15. jahrhunderts in venedig die erste verlags- und drucke­reimetropole der welt etabliert, kos­tete eine bibel so viel wie ein laib brot und war für jeden arbeiter oder hand­werker erschwinglich. natürlich erin nern wir daran, dass in keiner andren branche vielfalt so positiv determi­niert ist wie bei uns, denn wer von uns weiss schon, welcher der viertausend neuen romane die leser besonders berühren, welcher denkansatz die welt verändert, welche wissenschaftli­che neuerung sich durchsetzen wird. dagegen überzeugt die vielfalt bei den duschgels, die sich teilweise nur durch ihre werbekampagnen unter­scheiden, etwas weniger.

 

aber all dies hört sich verdächtig nach schwärmerei an und deswegen habe ich in vorbereitung auf diese rede lange darüber nachgedacht, welchen nüchternen ansatz uns hel­fen könnte, die skeptiker zu überzeu­gen, und bin auf das ppp-theorem ge­stossen, das ich gerne kostenlos dem börsenverein zur verfügung stelle. es lautet buch = produkt dessen persön­lichkeit nicht vom preis abhängt. ich lebe seit anfang des jahres in ei­ner dachgeschosswohnung im gu­tenberg-museum in mainz, und wer­de durch diesen besonderen ort ge­legentlich inspiriert, mir in erinne­rung zu rufen, wie viel wir der erfindung des buchdrucks verdan­ken, aber auch einer anderen erfin­dung, ohne die der buchdruck nicht möglich gewesen wäre: das papier, das wahrscheinlich über chinesische kriegsgefangene in das abbasidische kalifat wanderte, und von dort über palermo nach jativa in ostspanien, wo lange zeit die grösste papierfa­brik europas stand. wir nehmen die grundlagen unserer zivilisation oft für selbstverständlich hin, ohne uns zu vergegenwärtigen, woher sie stammen und was wir ihnen verdan­ken. so ist es auch mit unserem welt­weit wohl einmalig vielfältigen und effizienten buchhandelsnetz. ein an­griff auf dieses netz, meine lieben kolleginnen und kollegen, ist nicht mehr und nicht weniger als ein an­griff auf eine visionäre säule unserer zivilisation. oder – weniger pathe­tisch und auf internal gesagt: don’t fix something that ain’t broke – repa­rier nicht, was gut geht! Ilja Trojanow ­

 

 

 

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